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 Mythen
Fortuna Offline



Beiträge: 273

20.08.2004 15:21
RE: Einhörner antworten

Der Drache und Dorian kamen zu einer Lichtung, auf der munter ein kleines Bächlein plätscherte. Drag-en schnupperte einmal mit seinen großen Nüstern, nickte dann und wies Dorian an, sich hinter dichtem Gestrüpp zu verbergen.

"Was hast du denn gerochen? Und warum müssen wir uns verstecken?", fragte Dorian neugierig.
"Ganz eindeutig liegt über dieser Lichtung der Zauber eines Einhorns. Diese Wesen sind sehr scheu. Daher sollten wir uns verstecken, wenn wir eines zu Gesicht bekommen wollen."
"Och, ein Einhorn. Ich wollte schon immer mal eins sehen." Dorian war ganz aufgeregt und zappelte ungeduldig herum.
"Also bei dem Lärm, den du mit deiner Ungeduld verursachst, können wir lange auf ein Einhorn warten. Sei doch endlich still."

Dorian zuckte zusammen, weil in der Stimme des Drachens Ungeduld lag, die vorher nicht da gewesen war. Irgendetwas schien den Drachen in höchste Anspannung zu versetzen.
"Was ist denn los, Drag-en?", flüsterte Dorian dem Drachen zu.
"Psssst, da kommt es schon."
Sowohl Dorian als auch der Drache verkrochen sich noch mehr in den Büschen und waren mucksmäuschenstill.

Schweeweiß schimmerte das Fell des Einhorns, das sich vorsichtig umschauend die Lichtung betrat. Schweif und Mähne fielen in silbrigglänzenden Strähnen herab und das spiralenförmige Horn auf der Stirn funkelte kurz im Licht der Sonne. In tänzelnden Schritten trabte es zum Bach, um dort zu trinken.
Ein Mädchen trat hinter dem Baum hervor und näherte sich vorsichtig dem Einhorn.

"Warum läuft das Einhorn nicht weg, Drag-en?", flüsterte Dorian.
"Die einzige Schwäche des Einhorns ist der Zauber einer Jungfrau. Nur von einer Jungfrau lässt es sich berühren."

Sanft streichelte das Mädchen die Mähne des Einhorns. Dann setzte sie sich an den Bach und das Einhorn legte sich zu ihr, wobei es seinen Kopf in ihren Schoß kuschelte. Das Mädchen zog einen Spiegel aus ihrem Gewand und das Einhorn starrte ganz verzückt auf sein Bildnis.
Da sprangen Jäger aus den Büschen hervor und überwältigten das Einhorn, fingen es mit Netzen und töteten es. In dunklem Rot tropfte das Blut auf dem weißen Fell des Einhorns. Die Jungfrau war schreiend hinfort gerannt, entsetzt über den Verrat, den sie begangen hatten. Die Jäger indessen trennten das Horn vom Kopfe des Wesens und hielten es triumphierend in die Luft.

"Drag-en, das ist ja furchtbar. So tue doch etwas."
"Zu spät, mein kleiner Freund. Das Schicksal hat nun seinen Lauf genommen. Doch sei getrost, es war nicht das letzte seiner Art."
"Warum haben sie ihm das Horn abgenommen?"
"Die Menschen glauben, dass es ein sehr wirksames Antitoxin ist. Wenn man das Horn in einen Fluss oder See eintaucht, dann werden diese von allen Übeln gereinigt. Außerdem soll es gegen alle Arten von Giften helfen. Ein Einhorn ist stark und schnell. Unter normalen Umständen würde es den Jägern nie gelingen, eines zu fangen. Doch sie benutzen unschuldige Jungfrauen als Fallen. Nur sie können das Einhorn mit einem Bann belegen. Doch schau, was nun geschieht."

Die Jäger waren mittlerweile fortgegangen und hatten den Kadaver des Wesens liegen lassen. Die Jungfrau war zurückgekehrt und weinte nun bitterlich an der Leiche des Einhorns. Ihre Tränen tränkten das Fell und wuschen das Blut heraus. Als eine ihrer Tränen nun auf die Stelle fielen, an der einst das Horn gewesen war, erklang mit einem Male eine glockenheller Ton. Aus der noch blutenden Wunde wand sie ein neues Horn hervor. Wiehernd schlug das Einhorn die Augen auf und sprang auf die Beine. Dann drehte es sich zu den Büschen um, in denen Dorian und Drag-en versteckt waren. Es nickte einmal huldvoll mit seinem Kopf und verschwand dann geschwind in den Wald.

Drag-en jedoch lachte leise.
"Jemand hat wohl deinen Wunsch erhört, Dorian. Denn dies war ein Wunder, das in keiner Geschichte je erzählt wurde. Aber manchmal müssen Geschichten wohl neu erzählt werden."
Er stupste Dorian mit seinem Flügel an und sie gingen gemeinsam von der Lichtung fort.

O dieses ist das Tier, das es nicht gibt.
Sie wusstens nicht und habens jeden Falls
- sein Wandeln, seine Haltung, seinen Hals,
bis in des stillen Blickes Licht - geliebt.

Zwar war es nicht. Doch weil sie's liebten, ward
ein reines Tier. Sie ließen immer Raum.
Und in dem Raume, klar und ausgespart,
erhob es leicht sein Haupt und brauchte kaum
zu sein. Sie nährten es mit keinem Korn,
nur immer mit der Möglichkeit, es sei.
Und die gab solche Stärke an das Tier,
dass es aus sich ein Stirnhorn trieb. Ein Horn.
Zu einer Jungfrau kam es weiß herbei -
und war im Silber-Spiegel und in ihr.

(Rainer Maria Rilke, aus Sonetten an Orpheus)

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