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 Mythen
Deathgrinder Offline



Beiträge: 262

11.09.2004 11:20
RE: Germanische Mythologie antworten

I. Entstehung der Welt


Im Uranfang gab es weder Land noch See, weder Festland noch salzige Wege, weder die Himmelsdecke noch die gähnende Tiefe, - nur eine weite Leere war, ehe die Welt entstand, Ginnungagapp genannt. Darin bildete sich ein gärender Urstoff, in dem alle Elemente enthalten waren. Aus diesem ward lange, lange vor der Entstehung der geordneten Weltordnung an dem nördlichen Ende von Ginnungagapp das kalte und dunkle Niflheim, am südlichen Ende aber das lichte und heiße Muspelheim. In Niflheim lag der Brunnen Hwergelmir, d.h. der rauschende Kessel, aus dem sich zwölf Ströme, Eiliwagar, in die Leere ergossen. Die ungestümen Gewässer erstarrten in der Kälte von Niflheim zu Schnee und Eis. Aber durch die Hitze von Muspelheim fing das Eis an zu schmelzen, und aus dem abfließenden Wasser entstand ein gewaltiger Riese, Ymir. Er war Mann und Weib zugleich, und als er bald in einen tiefen Schlaf fiel, entstanden aus ihm noch mehrere Riesen, die Hrimthursen, d.h. die Reif- oder Frostriesen. Diese Entstehungsgeschichte des lebendigen Ymir aus dem kalten Eis ist nichts anderes als die sinnbildliche Darstellung der nordischen Natur.

Bei den Germanenstämmen im heutigen deutschsprachigen Raum mag wohl eine andere Vorstellung vom Entstehen der Welt heimisch gewesen sein, da das Land ja wärmer und südlicher gelegen war. Vielleicht deutet Muspelheim diesen südlicheren Länderteil an, wo die Völker der südgermanischen Stämme wohnten.

Später hat man auch Tuisco oder Tuiste, der oft als Stammvater der Germanen genannt wird, als einen Riesen wie Ymir betrachtet, von dem der Sohn Mannus und von dem wieder drei Söhne Istio, Inguio und Hermio als die Stammväter der drei Völker der Istvaeonen, Ingvaeonen und Hermionen entsprangen.

Mit Ymir zugleich war eine Kuh entstanden, Andhumbla, die Saftreiche genannt. Aus ihrem Euter flossen vier Milchströme, von denen Ymir sich ernährte. Die Kuh beleckte die salzigen Eisblöcke; da kamen am Abend des ersten Tages Menschenhaare zum Vorschein, am anderen Tag das Haupt eines Mannes, am dritten Tage der ganze Mensch, der Buri hieß; er war schön von Angesicht, groß und kräftig. Sein Sohn Bör vermählte sich mit der Riesentochter Bestla und zeugte mit ihr die drei Söhne Odin, Wili und We, von denen aber nur Odin berufen war, dereinst groß und mächtig zu werden. Auch versinnlichte man sich bei den Germanen den Kampf der Elemente. Denn Börs Söhne töteten den Riesen Ymir, und aus seinen Wunden floss soviel Blut, dass darin das ganze Geschlecht der Reifriesen ertrank, bis auf einen, Bergelmir, der mit den Seinen dadurch erhalten blieb, dass er ein Boot bestieg. So stammen also von diesem einen übriggebliebenen Riesenpaare alle jüngeren Reifriesen ab.

Aus Ymirs totem Leib schufen nun die Götter das Weltall. Aus seinem Blut entstand Meer und Wasser, aus seinem Fleisch die Erde, aus seinen Haaren die Bäume, aus den Knochen die Berge, aus seinen Zähnen, Kinnbacken und zerbrochenem Gebein die Felsen und Klippen, aus seinen Augenbrauen für die Menschen rund um die Erde die Burg Midgard wider die Angriffe der Riesen, aus seinem Schädel der Himmel, der sich mit vier Ecken über die Erde wölbte; an diese Ecken setzten die Götter je einen Zwerg als Wächter, Austri (Osten), Westri (Westen), Nordi (Norden) und Sudri (Süden) geheißen. Luft und Wolken wurden aus dem Gehirn des Riesen gebildet.

Ein anderer Mythos erzählt: Ein Mann hatte zwei Kinder, hold und schön, den Sohn hieß er Mani (Mond) und die Tochter Sol (Sonne); diese vermählte er mit Glenr (Glanz). Am Himmel führen die beiden Rosse Arwakr (Frühwach) und Alswidr (Allgeschwind) die Sonne, und Mani leitet, über Neulicht und Volllicht herrschend, den Mond auf seiner Bahn. Die Sterne entstanden nach der Sage aus den Feuerfunken, die, von Muspelheim ausgeworfen, umherflogen. Die Sonnen- und Mondfinsternis stellte die nordische Sage so dar, als würden Sonne und Mond von gewaltigen Wölfen auf ihrer Bahn verfolgt. Der Wolf, der dem Mond nachjagt, heißt Hati. Die Ungeheuer wohnen in einem finsteren Wald östlich von Midgard und werden von einem alten Riesenweib gepflegt.

Wie Sonne und Mond gottähnliche Wesen genannt werden, so auch Tag und Nacht. Die Nacht (Nott) galt als eine Tochter des Riesen Nörwi, der ein Sohn Lokis war; dadurch ist sie mit der Totengöttin Hel verwandt, die auch Lokis Tochter war. Der Tag galt für einen Sohn der Nacht und eines Asengottes. Die Nacht fährt am Himmel daher mit dem Ross Hrimfaxi, das jeden Morgen mit dem Schaum seines Gebisses die Erde betaut. Ihr folgt der Tag mit dem Ross Skinfaxi, dessen Mähne Luft und Erde erleuchtet.

Von den Jahreszeiten kannten unsere Urväter vornehmlich Sommer und Winter. Des Sommers Vater hieß Swadsudr, der mild und lieblich war; der des Winters hieß Windloni (Windbringer) und Windswalr (Windkühl) und fuhr kaltherzig und grimmig einher. Der Wind, ein Riese in Adlersgestalt Hraeswelgr genannt, sitzt am nördlichen Ende des Himmels; wenn er mit den Flügeln schlägt oder im Flug die Luft durch-rauscht, entstehen die Winde.

Über die Entstehung des Menschen gibt es zweierlei Sagen: Die eine schreibt sie Björns drei Söhnen Odin, Wili und We zu, die andere den drei Göttern Odin, Hönir und Lodur (Loki). Die Gottheiten gingen einst am Meeresstrand und fanden da zwei Bäume; aus ihnen schufen sie Mann und Weib; den Mann nannten sie Aski (Esche), seine Genossin Embla. Von diesem Paar stammt das Menschengeschlecht, dem Midgard zur Wohnung verliehen ward. Odin gab dem erschaffenen Paar die Seele, Hönir die Sinne, Lodur aber Blut und blühende Farbe.

So erscheint die Weltschöpfung nach den Sagen der germanischen Stämme; sie gehört zum größten Teil der skandinavischen oder nordischen Überlieferung an, da nur äußerst Weniges aus dem heutigen deutschen Sprachraum sich erhalten hat.

Bemerkenswert ist noch das Bild der Esche Yggdrasil, in der man sich ein unendlich weites Weltengebäude vorstellte, das sich über die sichtbaren Grenzen hinaus ausdehnte. Der Weltenbaum wird durch drei mächtige Wurzeln gehalten; unter der einen wohnen die Menschen, unter der zweiten die Hrimthursen, unter der dritten, die am tiefsten hinabreicht, liegt das Reich der Hel. Die Pflege des Baumes ist den drei Nornen anvertraut; aber trotz ihrer Fürsorge schwindet der Baum, wenn auch langsam und unmerklich, dahin: denn in den Ästen weiden gefräßige Hirsche, an seinen Wurzeln nagt die riesige Schlange Nidhöggr, und sein Stamm wird von vielen Würmern durchwühlt. Einst kommt der Tag, da die Esche und mit ihr die ganze Weltordnung mit Göttern und Menschen dahinsinkt - der Tag der Götterdämmerung.

Die drei Nornen sind Schwestern; sie entstammen uraltem Göttergeschlecht und besitzen die Kenntnis von allen Dingen. Urd, die Norne der Vergangenheit, ist die älteste; nach ihr hieß der Brunnen, aus dem sie ihr Wasser schöpften, Urds-Brunnen, aus dem der Riese Mimir seine Weisheit trinkt. Werdandi ist die Norne der werdenden Gegenwart und Skuld, die jüngste, die der Zukunft. Wie diese Nornen über den Lauf der Welt und die Erhaltung der Weltordnung wachen, so behüten sie auch das Leben des einzelnen Menschen, und jeder erhält bei der Geburt von den Nornen seinen Spruch fürs Leben mit.



II. Die Götter

Die germanische Götterlehre kennt wie auch die griechische verschiedene Arten von übermenschlichen und göttlichen Wesen; ihr Dasein knüpft sich an die Kräfte, aus denen die Welt entstanden ist und die die Welt erhalten. Die ältesten sind die Riesen, vergleichbar bei den Griechen mit den Hundertarmigen, den Zyklopen und den Titanen. Wie diese mit den olympischen Göttern, so lagen auch die Riesen mit den Asengöttern in Streit. Während jedoch Zeus die Macht jener brach, ist es bei den Germanen nicht so. So bedeuten die Riesen die ewig anstrebenden Massen der rohen Naturgewalten, die Götter oder Asen das ewig leitende Naturgesetz, durch das jene gezügelt, aber nicht für immer überwunden werden. So endet nach dem Glauben der Germanen der Kampf in der Welt nie. Man unterscheidet Reif- und Frostriesen, Sturmriesen, Wasserriesen, Feuer- und Gewitterriesen, die in Erscheinungen des eisigen, harten Winters, der rauhen Stürme, der gewaltigen Brandung und des verheerenden Gewitters ihr Wesen trieben. Doch sind die Riesen nicht schlechthin böse Gewalten. Auch galten die Riesen als die Erzieher der Nornen und aller Seher, und Odin selbst stritt mit dem Riesen Wafthrudinir über die uranfänglichen Dinge.

In der Tiefe der Erde wohnen die Schwarzelben, kunstfertige Zwerge, die schöne Kunstwerke, Waffen und Geschmeide anfertigen. Gegen Götter und Menschen sind sie freundlich und wohlgesinnt, und die Erinnerung an sie hat sich bis heute in den Erzählungen von den Heinzel- und Wichtelmännchen erhalten.

Bäche und Gewässer bewohnen die Wasserelben und Nixen.


A. Asgard

Das Götterland ist Asenheim und die Hauptstadt darin ist Asgard, der eigentliche Sitz der Götter. Der größte Platz ist Haadsheim, auf dem jeder der zwölf Götter einen Ehrensitz hat; über alle jedoch ragt der dreizehnte für Odin hervor.

Zur Götterstadt Asgard gehört auch Walhall, die Wohnung der im Kriegskampf gefallenen. Hier werden die gefallenen Helden von der Göttin Freya mit dem Willkommen-trunk empfangen. Die Helden heißen nach ihrem Eingang in Walhall Einheriar, die Schreckensbekämpfer. Sie sind berufen, dem Wotan einst beim Anbruch der Götter- dämmerung gegen die heranstürmenden Feinde beizustehen.

Die Walküren waren die Dienerinnen des Gottes Odin, wie Nike die Botin des Zeus. Die vornehmste Walküre ist Hilde. Den Walküren ist aber auch die Gabe eigen, sich in weiße Schwäne zu verwandeln. Wer ihr Schwanenhemd gewinnt, das sie zuweilen ablegen um zu baden, der bekommt auch die Jungfrau in seine Gewalt, und zahlreich sind auch die Märchen von den Schwanenjungfrauen.

Der Weg nach Asgard führt über Bifröst, die farbenstrahlende Regenbogenbrücke. Aber nur Götter und Helden können sie betreten; den Riesen ist der Zugang verwehrt, doch dereinst wird die Brücke unter den heranstürmenden Feuerriesen zusammenbrechen. Der starke Wächter von Asgard ist Heimdall. Er verkündet den Göttern jede Gefahr, indem er in sein Horn stößt, und auch den Anbruch des letzten Kampfes, der Götterdämmerung. Manche Sagen berichten auch, dass Heimdall in menschlicher Gestalt auf Erden gewandelt sei und die Geschlechter der Adligen, Freien und Knechte erzeugt habe.


B. Die Asen

1. Wotan (Odin)


Auf Asgards lichten Höhen thront der Fürst der Götter und Menschen, Wotan oder Odin. Auf seinen Schultern sitzen die Raben Hugin (Gedanke) und Munin (Erinnerung) und flüstern ihm die Geschehnisse der Welt ins Ohr. Zu seinen Füßen liegen zwei riesige Wölfe, die Begleiter des Gottes auf dem Schlachtfeld. Als Allvater beherrscht Wotan alle Elemente. Vor allem ist Wotan aber der Gott des Kampfes und der wilden Schlacht; auch ist er es, der dem Sänger die Lieder in die Brust legt. Später unterschied man Bragi als Gott des Gesanges und dachte sich ihn als Sohn des Wotan. Als Gott der Weisheit erfand Wotan auch die Geheimschrift der Runen. Wie Zeus so gilt auch Wotan als Stammvater und besonderer Beschützer aller echten Königs- und Heldengeschlechter. Der englische Name für Mittwoch, Wednesday, bezeichnet den dem Gott heiligen Tag.

2. Frigga


Gemahlin Wotans. Als Königin und Hausfrau waltet sie sowohl in Asgard als auch ganz besonders bei den Menschen, und ist die Beschützerin der Ehe, des Kindersegens und überhaupt der geordneten Häuslichkeit. In vielen Zügen entspricht sie der Hera der Griechen. In vielen deutschen Märchen wird uns Frigga als Holda oder Berchta gezeigt. Nahe verwandt mit Frigga ist die Göttin Ostara (Ostern, Ostereier und die Fabeln vom Osterhasen erinnern an sie).

3. Thor (Donar)

Er ist der Sohn Wotans und von großer Körperkraft, die ihn überall zu Siegern über Riesen macht. Thor ist der Gott des Donners, des Gewitters, aber nicht im schlechten, sondern im guten Sinn, denn er ist der Beschützer aller Landleute, der Gott der Bauern. Seine mächtigste Waffe ist sein Hammer Miölnir. Die Sage berichtet von seinen Kämpfen, die er mit seinem Genossen Thialfi gegen die rohe Kraft der Riesen ausfocht. Der Donnerstag und der Donnersberg haben ihre Namen von Donar. Donars Gemahlin war Sif, eine Göttin der fruchtbringenden Erde.

4. Zio (Thyr)

Er ist der Sohn des Wotan und entspricht in seinem Wesen dem Ares der Griechen. Unter dem Zeichen des Schwertes wurde Zio verehrt; wie das Schwert nur eine Klinge hat, so hat der Gott nur einen Arm. Die Namen dieses Gottes sind sehr verschieden; bei den Sachsen hieß er Saxnot, und Sachs nannten sie ihr kurzes Schwert. Die Angelsachsen nannten ihn Eri, Eru oder Heru, und daher führen wohl die Cherusker und Heruler ihren Namen, wie auch die Eresburg, das Hauptbollwerk der heidnischen Sachsen. Nach Zio ist der Dienstag, mundartlich noch Ziestag, genannt.

5. Baldur

Er ist der Gott des lichten Frühlings und der belebenden Sommerwärme. Er ist der reinst und vollkommendste der Götter und der Liebling aller. Der tückische Loki hatte aus einem Mistelzweig eine Lanze geformt, gab sie dem blinden Hödur, Baldurs Bruder, führte ihm die Hand und hieß ihn auf Baldur schiessen, der daraufhin zu Tode getroffen zu Boden sank. So war dem Gott ein frühes Ende beschieden. Baldurs blühende Gattin, Nanna, war vor jähem Schmerz beim Tode des Geliebten gleichfalls gestorben.

6. Loki

Er ist ein ganz eigenartiges Wesen und kann mit niemandem aus der griechischen Götterlehre verglichen werden. Vor allen Asen zeichnet er sich durch sein heimtückisches Wesen aus. Lokis Grundbedeutung ist das verderbliche und zerstörende Feuer.

Loki ist es, der dem Thor wieder zu seinem Hammer verhilft, den ihm Thrym geraubt hat; er ist es aber auch, der als Bremse den Zwerg Brock peinigte, als er den Eber mit goldenem Vlies für Freya, Odins Goldring und Thors Hammer machte. Loki wurde von den Göttern aus Asgard verstoßen. Doch seine getreue Gemahlin Signy verließ ihn auch in seinem schrecklichen Unglück nicht. Bis zur Götterdämmerung muss Loki an einem Felsen gefesselt bleiben, dann rächt er sich an den Asen mit seinen Kindern, der Hel, der Midgardschlange und dem Fenriswolf.


C. Die Wanen

1. Niörd


seinen Kindern Freyr und Freya unter die Asengötter aufgenommen. Er ist der freundliche Beschützer des Ackerbaus und hat die Menschen auch den Weinbau gelehrt.

Als Niörds Gemahlin galt wohl Nerthus, von deren Verehrung der Römer Tacitus berichtet. Es wird erzählt, dass Niörd von seiner Gattin, die zugleich seine Schwester war, habe scheiden müssen, als er in Asgard aufgenommen wurde, da bei den Asen die Geschwisterehe verboten war. Dann vermählte sich Niörd mit der Riesentochter Skadi.

2. Freyr (Frô)

Er ward von unseren Vorfahren am 21. Dezember verehrt. Von ihm leitete man auch den Kindersegen des Hauses ab. Als friedlicher Gott des Frühlings und der Liebe führte Freyr keine Waffe. Mit einem gewaltigen Eber, dessen Fell von goldenen Borsten starrt, fährt Freyr durch die Luft; auch besitzt er ein goldenes Schiff, das durch Wasser wie durch Wolken segelt, wohin der Gott will.

Von Freyr, dem Gott des Friedens, stammen nach der Sage auch die alten Friedenskönige ab. Unter diesen sagenhaften Königen ragt Frodi von Nordland hervor. Wie der Eber, so war auch das Ross dem Freyr heilig.

Zu Ehren des Lichtgottes Freyr wurden am Julfest um Weihnachten, als auch im Sommer und Herbst hochlodernde Feuer angezündet, ein Brauch, der in machen Gegenden bis heute noch besteht.

3. Freya

Sie ist vor allem Kriegsgöttin und als solche Anführerin der Walküren und kann wohl mit Pallas Athene verglichen werden. Ursprünglich mag sie mit Frigga ein und dieselbe Göttin gewesen sein. Freya galt als die Tochter des Niörd und wurde später auch als jungfräuliche Göttin der Liebe, des Gedeihens in Natur und Menschenleben angesehen. Ihr war die Katze heilig, und von diesen Tie
ren wurde ihr Wagen gezogen, wann immer sie durch die Lüfte fuhr.



D. Das Reich der Hel, die Unterwelt


Wie die Griechen den Hades, so kannten auch die Germanen ein Reich der Unterwelt, in dem die Schatten der Verstorbenen hausten, das Reich der Hel, der Tochter Lokis. Als strenge Richterin über Gut und Böse, als Rächerin allen Frevels dachte man sich die Hel in der Gestalt eines grauenerregenden Scheusals. Tief unter den Wurzeln von Yggdrasil sitzt sie, in unbändigem Grimm über ihre Verstossung. Der Schuldbeladenen wartet ein furchtbares Schicksal: Hel sendet sie in die Niflhel, in die unterste Tiefe ihres Reiches, und in grausamen Qualen müssen sie dort büßen, was sie bei Lebzeiten Übles getan haben. Ähnlich dem Zerberos der Griechen lauert ein blutiger Hund von riesenhafter Größe auf die Abgeschiedenen.



III. Die Götterdämmerung und die neue Welt

Wie wir schon aus mancherlei Sagen sahen, ist den Göttern auf Asgard nicht ein ewiges Glück beschieden. Die Riesen warten auf den Tag, an dem Lokis Kinder sich von ihren Banden lösen und vereint mit dem Geschlecht der Riesen der jetzigen Welt ein Ende machen werden.

Diese Zeit wird kommen, wen bei Göttern und Menschen weder Recht noch Zucht mehr herrscht. Durch blutige Kriege wird die Welt veröden, der Bruder tötet den Bruder, der Sohn den Vater - nichts gilt mehr das heilige Band des Blutes. Auch die Götter müssen untergehen, da auch sie sich nicht frei von Sünde und argem Trug gehalten haben.

Schweres Verhängnis steht nun den Göttern bevor; der Anfang dazu ist bereits durch den Tod Baldurs gegeben. In einem dreijährigen, furchtbar harten Winter findet Mensch und Tier seinen Untergang, was sich aus Kriegsnöten gerettet hat; von den Leichen der Erschlagenen gemästet, ereilen die grausigen Wölfe Sonne und Mond und verschlingen die lichtbringenden Gestirne. Dann stürzen die Sterne vom Himmel - die Götterdämmerung beginnt. Unter schrecklichem Erdbeben fallen die Berge zusammen, und es lockern sich alle Bande, auch die des Loki und des Fenriswolfes. Die Midgardschlange bäumt sich, dass das Meer über seine Ufer tritt und die Erde durch Springfluten verheert. Und nun bricht der Entscheidungskampf zwischen Göttern und Riesen an.

Von drei Seiten zugleich greifen die Feinde die Götterburg an. Von Osten her steuert das verderbenbringende Schiff Naglfar heran, das aus den Nägeln der Verstorbenen gemacht ist, von einem mächtigen Frostriesen gesteuert, mit Riesen bemannt. Loki führt auf einem zweiten Fahrzeug von Süden die Feuerriesen herzu, an ihrer Spitze Surtur, der Gewaltige von Muspelheim. Hel mit ihrem Schiff kommt von Norden. Wenn Surtur mit den Seinen über die Regenbogenbrücke Asgard erstürmen will, bricht Bifröst zusammen, der ganze Himmel spaltet sich, die alte, halb verdorrte Weltesche erzittert von der Wurzel bis zum Gipfel, das Ende der Welt naht.

Heimdalls Horn hat die Asen und Einheriar alle zum letzten Kampf gerufen. Odin tritt kühn dem Fenriswolf entgegen, der den Rachen von der Erde bis zum Himmel aufreißt; nichts nützt dem Gott sein siegbringender Speer - das Ungeheuer verschlingt den Vater der Götter in seinem furchtbaren Rachen. Thor kämpft gegen seine alte Feindin, die Midgardschlange; mit dem Hammer zerschmettert er ihr Haupt, sinkt aber selbst zu Boden, von ihrem giftigen Geifer getötet.

Nacheinander müssen alle Götter sterben; Surtur entzündet den Erdball, und in den Flammen vergeht alles, was da war, Himmel, Erde und Meer, Riesen und Götter.

Wie der christliche Glaube nach dem Ende der Welt auf ein ewiges seliges Leben in Gemeinschaft mit Gott hofft, so dachten sich auch unsere Vorfahren die Götterdämmerung nicht als das Ende aller Dinge. Alles Unreine, alle Schuld der Götter ist durch das Feuer des Weltenbrandes ausgetilgt, durch ihren Untergang haben die Götter ihre Verschuldung gebüsst.

In der neuen Welt werden zwar die alten Götter herrschen, aber neugeboren und von allen Übeln und Unvollkommenheiten befreit; wie einst bei Beginn der Welt seliger Friede herrschte, so auch in der neuen Schöpfung, und auch ein wiedererstandenes Menschengeschlecht wird sich in steter Reinheit und ungetrübter Heiligkeit dieses goldenen Zeitalters erfreuen.

(Quelle: http://www.boudicca.de)

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